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26.11.2011

Weniger Gewalt – aber mehr Bilder davon

Christian Pfeiffer beim 26. Freundesmahl: „Sie alle sind Opfer der medialen Darstellung.“

Kriminologe Christian Pfeiffer wartet beim Freundesmahl mit überraschenden Erkenntnissen auf

Hildesheim-Sorsum. Gewalt ist im Fernsehen allgegenwärtig. Und das macht Angst, zumal wenn Grenzen überschritten werden, „die bisher nach unser aller Überzeugung unverrückbar schienen“, wie es Walter Meyer-Roscher bei seiner Begrüßung zum 26. Freundesmahl in der Diakonie Himmelsthür ausdrückte. Zum Beispiel, dass jemand, der am Boden liege, nicht mehr getreten werden dürfe. Damit es aber nicht bei diffusen Angstgefühlen bleibt, hat der Verein Freunde der Diakonie Himmelsthür Prof. Dr. Christian Pfeiffer als Festredner eingeladen – und der bundesweit renommierte Kriminologe wartete mit überraschenden Antworten auf.

In freier Rede lieferte der Fachmann vom Kriminologischen Institut Niedersachsen vor rund 200 Gästen aus Politik, Kirche, Verwaltung und Wirtschaft eine beeindruckende Menge von Statistik- und Forschungsergebnissen, die allesamt auf eine Erkenntnis hinausliefen: Die These, dass die Gewalt und insbesondere die Gewalt bei Jugendlichen zunehme, ist ein Märchen.

Das Gegenteil sei der Fall, führte Pfeiffer in seinem emotional gehaltenen Vortrag aus. Sexualmorde, Tötungen mit Schusswaffengebrauch und andere Gewaltdelikte seien seit den 90er Jahren erheblich zurückgegangen. Auch die Zahl der Wohnungseinbrüche habe sich in den letzten zehn Jahren halbiert. Ebenso sei die Menge der Menschen, die bei Schlägereien krankenhausreif geprügelt wurden, seit 1997 um 50 Prozent gesunken. Ein Grund dafür sei die zunehmende Vergreisung der Gesellschaft: Alte Menschen sind weniger gefährlich.

Marco Tollkühn (zweiter von links), Mitglied der Künstlergruppe „Wilderers“ überreichte Christian Pfeiffer (zweiter von rechts) sein Bild „Polizei“ als Gastgeschenk. Wie aber kommt es, dass in der öffentlichen Wahrnehmung ein ganz anderer Eindruck entstanden ist? „Sie alle sind Opfer der medialen Darstellung“, stellte Christian Pfeiffer klar. Denn: „Wir werden überflutet mit medialer Gewalt.“ Auch hier lieferte er Zahlen, die belegten, dass im Fernsehen heute erheblich mehr Gewaltbilder gezeigt werden als noch vor zehn Jahren. Solche Eindrücke seien seelisch schwer zu verarbeiten.

Der Experte überschüttete sein Publikum mit kernigen Merksätzen. Eine Ausnahme vom Trend rückläufiger Gewalt bilde die Hauptschule. „Die soziale Gemeinschaft der Hauptschule funktioniert nicht mehr“, sagte Pfeiffer und gratulierte der Landesregierung zu den Plänen, die Hauptschule abzuschaffen. Das sei ein „Akt der Kriminalprävention“.

Die Basis für das Verhalten junger Menschen werde allerdings in der Familie gelegt. „Der Nachwuchs von Gewalt entsteht in jedem Land durch prügelnde Eltern“, sagte der Hannoveraner. Deshalb sei die Entwicklung in Deutschland so positiv: „Noch nie hatten wir so ein hohes Maß an intensiver Zuwendung.“ Und viel weniger Kinder würden von ihren Eltern geschlagen. Anders die Situation in England und Frankreich. Pfeiffer: „Jeder kriegt das, was er verdient. Beide Länder haben das elterliche Züchtigungsrecht bis heute nicht abgeschafft.“ Entsprechend sitzen laut Pfeiffer in England 180 von 100.000 Einwohnern im Gefängnis, in Deutschland nur 80.

Ein Problem, das ihm deutlich mehr Kopfzerbrechen bereite, sei die wachsende Sucht nach Computerspielen unter Jugendlichen, vor allem bei den Jungen. Das mache sich in schulischen Leistungen und auch in der Wirtschaft bemerkbar. Frauen seien überall auf dem Vormarsch, „wir Männer bringen’s einfach nicht mehr“. Verbote bewirkten gar nichts, die Alternative seien vielmehr Ganztagsschulen mit einem umfassenden Angebot an sportlichen und kreativen AG’s.

Christian Pfeiffer erntete für seinen Vortrag reichlich Applaus. Ulrich Stoebe, Direktor der Diakonie Himmelsthür, dankte ihm und nutzte die Gelegenheit, die Bemühungen des evangelischen Unternehmens für eine uneingeschränkte und selbstverständliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen vorzustellen. Für diesen Zweck soll auch der Erlös des Freundesmahls eingesetzt werden: In Burgstemmen werden mit Hilfe der Spendenmittel Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam ein Skulpturenprojekt realisieren.

Text und Fotos: Kultur & Kommunikation (ran)


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