Die „Wilderers“ aus der Diakonie Himmelsthür leiten einen Mal-Workshop im Landesmuseum Hannover
Hannover/Hildesheim. „Es war eine spontane Entscheidung“, erklärt Juliane Wilke und taucht ihren Pinsel tief in die gelbe Farbe. „Bevor wieder die ganze Familie zu Hause rumsitzt oder vorm PC die Zeit verbringt, fahren wir einfach ins Landesmuseum.“ Die Idee: sich ganz in Ruhe Bilder und Ausstellungsstücke anschauen. Jetzt aber steht die Familie aus Stade selbst vor Staffeleien und beäugt mit kritischem Blick die eigenen Werke. Es ist, wie immer am Pfingstmontag, Familientag im Landesmuseum - und es war Tochter Jele, die zielstrebig den Weg in diesen Raum gefunden hat und diesen ganz speziellen Workshop.
Hier zeigt nämlich die Künstlergruppe „Wilderers“ aus der Diakonie Himmelsthür nicht nur ihre Arbeiten, sondern lädt auch zum gemeinsamen Malen ein. Sieben Künstlerinnen und Künstler mit geistiger Behinderung, die von der Kunstpädagogin Almut Heimann begleitet werden, demonstrieren dabei enorme Kreativität und überaus gute Laune.
Zusammen mit ihrem Cousin Georg hat sich die zehnjährige Nele an einen Tisch mit „Wilderer“ Sabine Dumke gesetzt, die mit breitem Lächeln das Werk der beiden jungen Kollegen begutachtet. Inspiriert ist es von einem der Porträts, die als Ausdruck und Anschauungsmaterial bereitliegen. Und der Verwendungszweck ist auch schon geklärt: „Das soll unsere Oma bekommen“, erklären Jele und Georg, „darüber wird sie sich bestimmt freuen.“
„Und unser Opus in Gelb und Orange hängen wir in die Küche“, verkündet Vater Jörg Wilke grinsend - schließlich stellt es - leicht verfremdet - Kaffeekanne und Becher dar. „Ich bin aber völlig fasziniert davon, wie hier die Arbeiten der Wilderers entstehen“, sagt Juliane Wilke und weist staunend auf die leuchtende Abstraktion hin, die Nicole Lorenz gerade von der Staffelei nimmt. „Zu beobachten, wie sie Farbschicht auf Farbschicht gelegt hat und so ein tolles Ergebnis dabei herausgekommen ist, haut einen richtig um.“
Auch Museumsdirektor Jaap Brakke zeigte sich mehr als angetan von dieser vor Lebensenergie und Einfällen sprühenden Kunst und hat beschlossen, aus der Werkauswahl der „Wilderers“, die hier über das Pfingstwochenende zu sehen ist, das Bild „Frühling 2010“ von Nicole Lorenz fest im Landesmuseum zu behalten. „Es ist uns überhaupt ein Anliegen, dass solch eine Begegnung hier stattfinden kann“, erklärt Museumspädagogin Regine Tütjer: „Das hier ist schließlich eine Einrichtung der öffentlichen Hand, und so ist es unsere Aufgabe, alle Menschen aus der Bevölkerung und die unterschiedlichsten Künstlergruppen mit einzubeziehen, zusammenzubringen.“
Dass dies sehr viel Spaß machen kann, lässt sich sofort sehen. Vor allem aber zeigt sich, wie harmonisch und unkompliziert das gemeinsame Arbeiten der Künstler mit Behinderung mit den Familien funktioniert. Jede Menge Bilder entstehen, Ideen werden ausgetauscht, Farben vermischt und aufs Papier gebracht. Der achtjährige Finn hat sich beispielsweise entschlossen, zusammen mit „Wilderer“ Silke Lüdecke die Erde zu malen. In schöner Eintracht greifen beide zu den kräftigen Acrylkreiden, setzen Land und Wasser nebeneinander.
„Er hat sich das Motiv gewünscht, und es macht Spaß“, sagt Silke Lüdecke. Finn nickt konzentriert. Und als seine Eltern plötzlich in der Tür stehen und fragen, ob er mit zum Mittagessen kommen wolle, schüttelt er streng den Kopf. „Nein“, erklärt er klar. „Das muss ich schon noch zu Ende malen!“
Text und Foto: Kultur & Kommunikation (André Mumot)